Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Remstal-Szenerie

Schon sind die sommergrünen Reben
mit reichem Traubenschmuck behangen.
Oh, welche Süße
versprechen sie für gar nicht ferne Zeiten.

In früheren Weingärten
prangen Birnen.
Der Saft scheint fast
die glatte Haut zu sprengen.
Noch brauchen sie jedoch
genügend Reifung,
die von dem blauen Dach
des Erdenrundes träuft.

Noch weiter unten winden
die Apfelbäume einen Kranz
um diesen Ort,
der von dem Zeugnis Avalons
im Frieden träumt.

Am Waldrand, ach,
wie soll ich´s deuten,
da blühen schon
im traumverlornen Gras
die Herbstzeitlosen,
dankerfüllt für einen
erquickend hier gespendeten
und mir auch wohl willkomm´nen
Schatten.

Glücksklee

Gern geh ich da hin
Vierblättrigen Klee
Find ich da immer früher
War es ein ganzer Acker
Voll verändert die Gene
Verwunschen das Glück
Auch in dem Ackerrandstreifen
Von heute wird nichts andres
Erwartet als Hoffnung aufs Hoffen
Und Bangen lässt leicht sich dort
Liegen lassen im Vorbeigehn

Sonnenstrahl auf den Grenzwegen

Sind nicht gar zu scharf
die Grenzen
und zu dicht
nicht die Fronten,
können Grenzwege entstehen
und Möglichkeiten
des Austauschs.
Auf,
franst sie aus,
ihre Ränder,
diffundiert durch sie hindurch
mit Freude,
mit Liebe,
mit Hoffnung.
Und die Grenzen
werden
euch zu trennen
nicht mehr vermögen.
Aber vergeßt auch dann nicht
das Einzige,
was Grenzen wirklich
Gutes uns gaben:
Orientierung.
Merkt euch genau:
Aus welchem Osten
kam euch
das Licht?

Anmerkung: Ich habe die Rechtschreibung so belassen, wie sie zur Zeit der Entstehung dieses Gedichts gültig war.

Umfrage*

Wie ich mich freue:
Es gibt noch die Treue,
die Treue zum Leben.
Ich seh´s an der Sorge
der Jugend von heute:
Was von der Natur man sich borge
und zurück geben müsse,
darüber sorgen sich junge Leute.

Die Armut in der Welt kümmert sie,
nicht gegen Terrorismus der Kampf,
nicht des nach immer mehr Geld Strebens Idiotie.
Das an der vorderen Stelle zu sehn
sei doch Krampf.

Zerstörung der Lebensgrundlagen
der Menschen der Welt
fürchten sie zu meinem Behagen
genau wie das schreckliche Rennen nach Geld.

Umfragen, die dieses belegen,
lese ich gerne.
Schimpfen über die Jugend
ist da ganz ferne.

*Siehe Artikel „Sorge um den Zustand der Erde“ in der Esslinger Zeitung vom 15.8.09 (verkürzt wiedergegeben hier: https://www.ez-online.de/kinderleicht/Artikel456726.cfm )

Havel

August, Zeit des Wartens.
August, Verharren im Schatten des Gartens.
August, Dinge entwickeln sich.
August, Dinge für dich und mich.
August, 1789: der Text entsteht: Menschen- und Bürgerrechte.
August, 1989: Havel weiß: Wofür er steht, ist das Echte.

Was Havel 1989 im August noch nicht wusste, war, ob er den ihm bereits zuerkannten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Oktober auch würde in Frankfurt entgegennehmen können. Tatsächlich wurde ihm die Ausreise dazu dann nicht gestattet. In der Samtenen Revolution im November und Dezember 1989 wurde der Dissident Havel aber dann sogar Präsident der von der Diktatur befreiten Tschechoslowakei (und später – nach der Trennung der Slowakei und Tschechiens – der erste Präsident der Tschechischen Republik.

Siehe auch: https://www.zeit.de/1989/25/Der-Stachel

Aphorismus 12/09

Mit dem Chaos kann man sehr gut zurechtkommen, genauso gut wie mit dezidierten Ordnungsvorstellungen. Schwierig wird es erst, wenn beide zusammen auftreten.

(Diesen Beitrag habe ich mir für diesen besonderen Löwentag aufgehoben) 🙂

Tschechisch-Unterricht auf dem Maier-Lyrik-Blog ;-) -Teil 6

Der Bürger Havel“ ist der deutsche Titel eines Dokumentarfilms über den ersten Präsidenten der Tschechischen Republik. „Bürger“ ”“ das ist im Deutschen ein sehr problematischer Begriff:

”šobyvatel mesta”˜ kann es auf Tschechisch heißen: Stadtbewohner.

”šmeÅ¡ták”˜ ist offenbar der Bürger im Sinne des mit einem Privileg versehenen und es gegenüber anderen ausnützenden Bourgeois.

”šobcan”˜ ist der Bürger eines Gemeinwesens, der dadurch die Bürgerrechte genießt, aber sich auch für das Gemeinwesen verantwortlich fühlt.

In der Rede Václav Havels zum tschechisch-deutschen Verhältnis, gehalten am 17. Februar 1995 im Karolinum zu Prag, drückt er das, was mit dem ‚Bürger Havel‘ gemeint ist, in einer Passage aus, in der er deutlich macht, was geschieht, wenn man versucht ist, die „individuelle bürgerliche Verantwortung abzuschütteln“:

„Wieder ist es das gleiche: das Bedürfnis, den kommunistischen Kollektivismus durch einen nationalen Kollektivismus zu ersetzen, die eigene, individuelle bürgerliche Verantwortung abzuschütteln und in der Anonymität einer Meute unterzutauchen, die alle anbellt, die nicht dazu gehören, ist eine Spielart der Erscheinungen, die systematisch bekämpft gehören. Die zeitweilig auftretenden Zeichen unterbewußten Glaubens an eine unfehlbare Stimme des Blutes, des Schicksals, der Vorsehung und der Volksmythen sowie an ein Recht, das Unmögliche, das heißt eine Revision der Geschichte, die als eine Serie fortwährenden Unrechts an dem eigenen Stamm betrachtet wird, zu fordern, sie sind nur eine andere Variante desselben Irrglaubens.“

Der Titel des Films heißt also entsprechend „Obcan Havel“.

(Nebenbemerkung: Die Häkchen über manchen e’s und c’s fehlen leider, z.B. bei obcan und mesta)

Gestreckter Zeitwert

Lang ausgehalten der Ton
Keine Koloratur
Einfach angelegt
Auf Dauer
Des Aushaltens
Aufs Hinüberweisen ins Nächste
Ohne sich zu verlieren
Im Vergehen
Dem sterblichen Augenblick
Aber auch ohne Verharren
Im länger nicht duldbaren Dauern

Spannend der Übergang
In die Zukunft
Die unausweichliche
Ersehnt sie zu machen
Und freudig
Sie zu empfangen

Kommentargedicht von Barbara Hauser:

schönheit der zeit

leise durchdringt sie
in allem singt sie
mit allem schwingt sie
verklingt sie mit uns?

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