Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 138 von 165)

Schwäbischer* Aphorismus

Wenn ois von de Nicht-Schwoba
Wender ond Wendehals
net en Verbendong brengt,
isch dia Persoo
scho reacht guat
em Schwäbischa
– odder se isch jenger als wia
siebnazwanzig.

*mit Einsprengseln von Honoratiorenschwäbisch und gendergerechter Sprache

Ostererleben

Der Lohn für das Lauschen
aufs Klingen der gelben Osterglocken:
der Klang der osterglockenhellen
Töne aus der Kinderkehle:
Sonnengelber Dialog,
kontrapunktisch gesetzt
in Höhen und Tiefen,
wiedergebend die großen
und kleinen Blüten,
in einzelnen Klängen,
in chorisch gesungenen
Melodiensträngen,
hörend einer auf den andern,
in Tänzen und Trillern,
in denen es das erlebt, das Kind,
was es erfunden.

Wandel

Vorbei isch d´r Wender,
v´rendra kennder
so viel, d´r Friehleng ”“ oh Kender:
Gar ällas g´sender
macht halt au der net.

Ein rätselhaftes Klingen liegt in der Luft

Weht der Wind durchs Gebüsch,
Alles beginnt ja von vorne
Sieht die Blumen der Frühe,
Meidet vielleicht die Empfindlichen,
Alles beginnt ja von neuem
Greift sich verdeckendes Laub.,
Weist den küssenden Sonnenstrahlen
Oder täusch ich mich da?
Hat es denn wirklich begonnen?
Liebend den Weg,
Kann es nicht lassen
Virulent sich zu drehen,
Suchend noch mehr
Eine ist sicher noch da,
Ist ja Verheißung des Klingens.
Neue Blüten.

W interlinge, S chneeglöckchen
M ärzenbecher, G elbe Krokus
W eiße Krokus, L ungenkraut
K rokus gestreift, V iolette Krokus
S chlüsselblümchen, N eu diese klingenden Farben!

Klänge sehen die Augen wie in jenem Verzeichnis!(?)

Märzen-Verheißung

Glutball im Baumgeäst
Kahles Verharren
Märzenversprechen
Kommenden Grünens
Blühen im Kleinen
Verheißung der Fülle
Noch einmal Nächte
Noch einmal Durst
Strecken nach vorne
Glück aber überwältigt
Im Erfahren des Seins
Überfülle von Ahnung
Und Erfüllung des Wissens

Wia pressant isch as?

„Machat Se uf!
I woiß, dass d´Se da´send.
Kommat Se, machat Se endlich uf!“

D´rbei hock i uf am Lokus,
s´Glohbabier en d´r Hand,

odder i schdand onder d´r Dusche
ond han me grad eig´seift,

odder i ziag me grad om
ond ka”˜ me net entscheida
zwischa zwoi Hemmader,

odder des Gedicht, wo i grad lies,
fangt grad a”˜
sich mir zom Erschließa.

„I ka”˜ grad net  weg.
I ka”˜ grad net komma!“,

denk i.

Vorfrühling

Nach Zeiten mit Schnee und Frost:
Himmelsspiegel bedecken die Wiesen:
Verwandelte Schneeflächen
befeuchten die grünenden Fluren.
Krähen tun sich gütlich
am selten so reichlich
sich bietenden
klaren Nass.
Was kümmert sie,
warum der Himmel
mit den Wolkengebilden,
den geheimnisvollen,
sich spiegelt?

(Schwacher) Trost für Unmusikalische

Ich brauche nicht mehr
zu singen
wie die alten Barden,
damit mich die Menschen hören;
und auch damals
waren es wenige nur,
die erfuhren,
was sie zu singen
hatten und zu sagen.

Höhlenritzungen
entwarfen Weltbilder,
die aufgenommen wurden
von den Meditierenden.

Bilder und Buchstaben
verbanden sich,
Schmuck und Aussage
verknüpften sich
und aus abstrakten Zeichen
wurden geboren
Verstehen und Handeln.

Ich brauche nicht mehr
zu singen
wie die alten Barden,
damit mich die Menschen hören.
Schreiben kann ich
auf Papier,
sogar vielleicht
in Bücher Gedrucktes.

Heute brauche ich
kein Papier mehr,
damit mich die Menschen hören;
Gutenberg hat seinen Dienst getan.
Mit www fing ein Neues da an:
HTTP und HTML
sind dafür
im Prinzip
seit 20 Jahren zur Stell.

Gutenberg hat seinen Dienst getan.
Mit Tim Berners-Lee
fing doch tatsächlich
was Neues an
und mit seiner Hilfe
sind so viele vernetzt
heutzutage.

Ja, ich brauche nicht mehr
zu singen
wie die alten Barden,
damit mich die Menschen hören;
mit Hilfe des www
blogge ich fröhlich
(manchmal auch traurig, gewiss).

(Eigentlich schade.)

Eigentlich wollte ich mit meinem Text neben der selbstironischen Komponente Tim Berners-Lee würdigen. Das hat ihm bisher (vor 16 Uhr 20) nicht die entsprechende Ehrung eingetragen. Vielleicht hilft folgender Link zu einem Interview mit ihm eher dazu (und/oder dazu, unser Tun als BloggerInnen besser einzuordnen):
https://www.cicero.de/97.php?ress_id=6&item=827

Vergangenheitsbewältigung

Ganz unschuldig
schauen die zaghaften Spitzen
von Schneeglöckchenknospen
und denen der Märzenbecher,
von Schneeflächen umgeben,
aus dem Boden des Gartens
am Waggerlhaus in Wagrain,
während in unserem tiefer
gelegenen Gärtchen
die Blüten in Fülle schon prangen.

Was soll´s auch
mit Waggerl sich zu vergleichen?
Man käme vielleicht ja doch
in Verdacht …

Beharrlicher Winter

Noch verharren
manche Zeiten und Orte,
windumtost,
bei kurz nur angeknipstem
milchigem Licht
der Sonnenlampe,
zwischen Schnee- und Wolkendecke
auf den Gipfeln meiner Gedanken.

Fern ist der Ruf
des Frühlings.
Doch noch kann ich warten.

Das Kommentargedicht von Paul Spinger lautet:

Der Frühling als die Zeit zum Hoffen ”“
Fast jedes Wesen ist betroffen
Und hat mal mehr, mal nie Geduld.
Nimm als Metapher Jahreszeiten,
Dann können viele dich begleiten.
Das Bild zeigt niemandem die Schuld.

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