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König mag ich dich gar nicht nennen,
oh Jesus,
auch wenn dich Bach so
so wunderbar preist,
dass ich zerschmelze.
Aber ich preise dich damit,
dass ich dich niemals
zum Establishment
irgend einer Zeit rechne,
zu denen da oben
(ich meine nicht: im Himmel,
nicht einmal metaphorisch;
dafür ist er mir oft zu blau
oder ersehnt als Wasserspender
genauso wie der Platz
für wundervollen Sonnenschein,
für trauliche Sterne).
Ich bin ja kein Monarchist,
bin Republikaner
der besseren Sorte,
bin Demokrat,
Freund der Freiheitskämpfer
mit deinen Waffen:
Gewaltfreiheit und Liebe:
leidend tausendmal eher
als daherkommend im Pomp
und in Rechthaberei.
Die Kirchen,
die sie dir bauten,
sie sind mir zu herrschaftlich
meistens
in althergebrachter
Tradition,
so wie die Gebete dort,
die dich preisen als Herr,
weit mehr als als Freund.
Und doch schmelze ich dahin,
wenn Bach dich preist,
wenn Kinderaugen glänzen,
wenn sie im Christbaumglanz
gedenken deiner Geburt.
Und wahrlich, dass du geboren wurdest,
nicht für Machterhalt steht das,
nicht für sich von allem andern
abgrenzende Identität,
nicht für Recht, das Privilegium heißt;
wenn sie das lernen, die Kinder,
von deiner Lehre,
und nicht sie alleine,
dann liebe ich dich
gerne mit ihnen.
Selig sind sie dann,
sie und deine Jüngerinnen
und Jünger.
Das ist der Vorteil des Älterwerdens: Man kann sich erinnern an das, was man sich für die Zukunft vernünftigerweise wieder wünschen kann.
Todo cambia, wie wunderbar dieses,
wenn Proteste nichts scheinen
zu bewirken, ins Leere
laufen, ungehört verhallen.
Wenn dann der Ruf ertönt:
Todo cambia!
Wenn dann das Paradies
doch kommt auf Erden,
wenn sich erfüllt,
was immer wir erhofft,
wenn wundervolle Träume
Wahrheit endlich werden,
ach, wie wünschte ich mir dann,
dass diese Worte schwinden
aus unsrer Welt:
Todo cambia …
Ich ärgere mich
über Rechthaberei, ja!
Die von anderen!
Sind wir nicht schon wahrhaftig reif
wahre Demokratie zu leben,
bevor wir sie endgültig erkämpft haben?
.
*ein Achtundzwanziger von mir
Goldflitter noch verteilt
im ansonsten kahl gewordenen Geäst
unserer Birke.
Der Teppich auf dem Boden
unter den Ästen,
immer fahler seine Farben.
Der Winter steht vor der Tür.
Alles vergeht.
Wandelwind weht.
Alles vorbei,
wenn’s seine Zeit.
Neues entsteht.
Irgendwann ist’s soweit.
Ich bleibe dabei,
sei’s wie es sei.
Der letzte Ast des Jahres
entblättert sich Tag um Tag.
Erinnerung schwindet,
neu entstehen Bilder für immer
im ewigen Adventskalender.
Nichts vergeht wirklich.
Alles kehrt wieder
im neuen, unverwechselbaren Gewand;
aber erst später
im jungen Unverbrauchten
und doch so Bekannten.
Altes wird neu
und Neues wird alt,
ändert und wandelt sich,
gewinnt neue Gestalt.
Grinsende Wölfe im Schafspelz,
tückisch gehen sie dir um den Bart.
Gekonnt spielen sie gar die Opferrolle.
.
Weit mehr als richtige Wölfe
sind sie dann auf deinen Tod aus.
*ein Janka