Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Dankbarkeit

Undankbar erscheinen

angesichts der Unvermeidbarkeit

des Mangels an überschwellendem

Glücksgefühl

nach neu geschenktem Leben?

Die Dankbarkeit nur festmachen

am Willkommenheißen

der orangefarbenen Lilien,

der leuchtenden,

des farbbetupften Hibiskusstrauchs,

des Blauen Eisenhuts

– alle noch ohne Blüten

in unserem Gärtchen

vor der nun geglückten

gefährlichen OP?

Großstadt-Ruhe vor einem entscheidenden Ereignis

Nach erfolgreichem Eingriff in die Arteria basilaris im Stuttgarter Katharinenhospital bin ich nun wieder zu Hause. Seither ist mir zwar noch kein Gedicht gelungen – jedenfalls keines, das ich hier zum Besten geben will. Aber dasjenige, das ich meinen Angehörigen hinterlassen wollte, sollte die OP schiefgehen, möchte ich hier abdrucken:

So weiß ich mich geborgen
inmitten dieses Kranzes
der Hügel rund
um Stuttgarts Schalengrund gelagert.
 
Vom Kessel sprechen Leute,
die’s nicht besser wissen,
die nichts von Wölbungsgunst
der Mutter Erde hörten,
die ihre Fingerkuppen, Finger,
ihren Ballen
so schützend um mich Bangen legte
in ihrer grün bewachs’nen Hand,
 
wo im Kristall des so Geword’nen
die Spuren der Geschichte sich geordnet,
der für uns Württemberger großen,
für hier Herangewachsene wie mich
so überaus bedeutenden und tiefen.
 
So leg ich mich in dieser Nacht
vor der Entscheidung
zum ganz beruhigten und stärkenden
und himmelüberwölbten Schlaf
trotz allem Reifenquietschen und Motorenlärm.

Blogpause

… voraussichtlich bis zum 23. Juni 2007 (hoffe ich). Da soll ich aus dem Krankenhaus entlassen werden – wenn alles gut geht.

Helmut

Spitzengeschäfte

Dialog I

 

– Ich war heute Morgen mal wieder

beim Kassensturz-Machen.

(Neue Sparpläne ausdenken)

 

– Pfennigfuchser?

 

 

Dialog II

 

– Ich war heute Morgen mal wieder

beim Spam-Löschen und so weiter.

(Bleistiftspitzen-Geschäft am Computer)

 

– Griffelspitzer?

Auf lange

Auf lange
richte ich mich ein,
möbliere die Zukunft,
nicht achtend des Sekundenschwundes
und des möglichen Todes.

Verplempert sind Stunden und Tage,
wenn ich Jahre erwarte.
Doch Augenblicke dehnen sich
zur kostbaren Brücke,
darauf zu lustwandeln.

Kommentar

Das Gedicht Demonstration von Sabine Fenner hier – siehe auch den Blogroll – habe ich folgendermaßen kommentiert:

In Wyhl haben sie demonstriert.
Heute noch gibt es dort kein AKW.

Söhne von unseren Freunden
haben in Wackersdorf demonstriert.
Heute noch gibt es dort
keine Wiederaufbereitungs-Anlage.

In Mutlangen haben wir demonstriert
gegen die Pershings
(und standen in der Menschenkette von Stuttgart nach Ulm).
Heute ist Mutlangens Raketengelände
Wohngebiet – nicht für amerikanische Soldaten.

Kooperation

Mein Gedicht Lebenssehnsucht nach der postindustriellen Sommerfrische (siehe dort) wurde von Petros mit einem eigenen Gedicht kommentiert und heute (9.6.07) im Duett mit seinem in seinem Bloghaus veröffentlicht. Ich bedanke mich herzlich für diese Ehre und empfehle die Lektüre dort: blogpoesie.de

bzw. hier: lebenssehnsucht-aus-dem-hause-helmut-maier

Lebenssehnsucht nach der postindustriellen Sommerfrische

Vermarktung des Lebens,
das sich wendet
gegen die Kommerzialisierung.
Zu einem Geschäft gemachte
Reproduktion von
geschäftsfreien Lebensformen.
Wohlfeile Ware nur
sind Bilder
vom Leben auf dem Lande.
Übervölkerung des Ersehnten
löst es dann auf.
(nach Isolde Charim: „In der Sommerfrische“ – taz vom 5.6.07, Seite 12)

Entscheidung

Der reißend gewordene Blutstrom
in der verengten Ader,
hat er nur Todesmahner bisher
in das Gehirn gerissen
oder reißt er den Tod selber
doch mit da hin 
das nächste Mal?
 
Wird eine schützende Umhüllung
des behinderten Blutstroms 
an der verengten Stelle,
an diesen möglichen Todesanker
geschoben, beflügeln 
den Todesritt?
Oder verneint sie den Tod
auf lange?
 
Blind wähn‘ ich zu wählen
und tastend. 

Konzentrische Kreise (ein Pfingstgedicht)

Ja, es geht rund
bis oben hin,
wo sich die Kreise
konzentrieren
im Schlussstein
eines Trullodaches.

Ja, es geht rund
im Kreise
alles Wiederkehrenden
und Neuen.

Ja, es geht rund,
selbst noch im Dreieck
eines Weltenkonzentrats,
wo sich Menschheitsgeschichte
immer rundet
im Mysterium
des ewig neu beginnenden
Sizilien.

Es rundet sich und schleift
den Kiesel der Vollendung
aus den kantigen Gesprengen
in Ebbe und in Flut
im Kreis der Jahre.

Es schließt sich wohl
der Kreis
des immer neu Beginnens
in dem neuen Öffnen.

Und konzentriert sich so
bis zum gedachten Punkt,
wo alles endet und
wo alles neu sich rundet
im jetzt und jung entstandenen
und stehn´den Bogen.

Fast wird es mir zu schwindlig
von dem vielen Kreisen,
wär”˜ nicht der Funke, der
das Lebensrad noch einmal treibt.

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