Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Baum, Gebüsch und Gräser

Eines Tages machte der junge Baum
sich auf, seine Wurzeln zu finden,
kam zum Gebüsch, fragte,
ob es ihm bei der Suche
nicht helfen wolle,
und warum es sich
mit seiner Größe begnüge.

Das Gebüsch wunderte sich
über das Benehmen des Baumes
und brachte seine Beständigkeit
so auf den Punkt:
„Wir sind zufrieden mit uns.
Und unsere Eltern waren auch zufrieden.
Wozu sollten wir uns da bewegen?
wir haben uns bewährt.“

Da ging der Baum in die Steppe
und wollte mit den Gräsern erörtern,
warum sie sich nicht erheben,
sondern mit flachen Wurzeln
sich beugen dem Wind,
stets auch bedroht von der Dürre.

Das Gras verstand die Frage nicht,
verneigte sich vor der Mittagshitze
und flüsterte, fast entschuldigend:
„Wir sind dafür vorgesehen,
am Boden zu bleiben.
Daran haben wir uns gewöhnt
seit Jahrmillionen.“

Lange suchte der Baum,
bevor er seine Wurzeln
mit seinesgleichen vereinigte,
mit den Jahreringen wuchs
und lernte, nicht nur für sich allein
mit dem Wind zu spielen.

copyright Götz Schubert

Achtundzwanziger-Fundgrube

Es ist höchste Zeit, eine Fundgrube von Achtundzwanzigern* hier anzugeben: Syntaxia hat auf ihrem Blog eigens hierfür eine Kategorie angelegt, wo sie die von ihr verfassten Achtundzwanziger* alle aufführt: https://webloggia.wordpress.com/category/dreizeiler-gedichtetes/dreizeiler-achtundzwanziger-nach-helmut-maier/

Ich freue mich sehr, dass die Idee des Achtundzwanzigers* so wunderbare Dreizeiler hervorgebracht hat.

*Ein Achtundzwanziger ist nach meiner Definition ein Dreizeiler mit achtundzwanzig Silben nach dem Schema 8 – 9 – 11

Aufrecht bleiben*

Im Alter soll ich noch lernen
ein aufrechter Mensch wieder zu sein
meinte jetzt die Physiotherapeutin.

*ein Achtundzwanziger (ein Dreizeiler mit achtundzwanzig Silben nach dem Schema 8 – 9 – 11)

Hessels linker Tanz mit dem Jahrhundert

Das Künstlermilieu
um Pablo Picasso und Marcel Duchamp
und Jules et Jim.
Der deutsche Staatsbürger
wird Franzose,
wird Widerstandskämpfer,
im besetzten Paris
wird er verhaftet.
Nichts ist erfunden,
auch nicht die spektakuläre Flucht
aus dem Zug nach Bergen-Belsen.
Der letzte Überlebende
der Mitverfasser der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte
vom 10. Dezember 1948
ruft uns heute
im 3-Euro-Heft zu:
Empört euch!
(„Dass Juden ihrerseits Kriegsverbrechen
begehen können, ist unerträglich.“)
Schon nach dem „11. September“ hatte er
mit dem „Collegium international“
zur Verhinderung eines Kriegs
aufgefordert
zwischen den Zivilisationen.
Danke, 93-jähriger Stephane!

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