Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Warten auf Wahrheit

Wahrheit, ungeborenes Kind,
du wartest ja auf Gerechtigkeit,
auf Frieden wartest du, auf goldenes Licht;

noch bist du geborgen im Schoß,
mitten im mütterlichen Leben.

Auf deinen frühzeitigen Tod,
wie setzen sie drauf, deine Feinde,
die sich nähren wollen von deinem Sterben!

Chancenlos scheinst du in Kriegszeiten,
in Zeiten des Rassenhasses auch.

Im schützenden Dunkel bleibst du,
wenn die Gier nach Gewinn sich austobt
oder wenn nackte Angst sich fürchtet vor dir.

Was alles steht deiner Geburt,
der Erlösung durch dich noch im Weg?

Aber in Oslo spürt heuer
dein Strampeln, wer guten Willens ist
auf der Welt, doch hinter der Bauchdecke schon

klar bei der Verleihung des Preises
an euch, Malala und Kailash.

Versuch einer (teilweisen) Selbstrezension

Im Kommentar zu dem Beitrag „Spätherbst“* hat mir Monika Meise eine schwierige Aufgabe zum Text gestellt – mit der Frage: Was bedeutet (hier) “hexenmäßig”? Ich habe darauf folgendermaßen geantwortet:

Ich meine, manches ergibt sich aus dem Text:

Zerzupft ist die Hexenmütze, keck lugt sie hervor – und das hinter dem
Pfarrhausdach, gewärtig des hässlichen Erbes der Kirche(n), das den
Begriff “Hexe” herabgewürdigt hat von der Heilerin zur schädlichen
Verräterin und Verführerin(so wie die Herrschenden heute noch mit
Mahner_innen und Kritiker_innen umgehen). Dabei ist das hexenmäßig
stupfelige Gestrüpp der Baumkrone dasjenige, das die Hoffnung auf das
neue Grün im Frühling auch noch in dieser immer kälter werdenden
(Jahres)zeit sichtbarlich aufrechterhält, obwohl das dann womöglich als
keck gilt. Ja, also genügt das? Ich hoffe doch.

Sei herzlich gegrüßt
(und habe Dank für die Nachfrage, die mir manches von dem bewusst gemacht hat, was wohl unbewusst in den Text eingeflossen ist).

* Hier der Text, um den es oben ging:

Spätherbst**

Ginkgo im gelben Festtagskleid.
Drüber nacktes Geäst am Himmel.
Hinter dem Pfarrhausdach lugt keck was hervor:

Zerzupfter Zipfelmütze gleich
hexenmäßig das Dauergrün.

**ein Janka

In Verbundenheit
Helmut

Spätherbst*

Ginkgo im gelben Festtagskleid.
Drüber nacktes Geäst am Himmel.
Hinter dem Pfarrhausdach lugt keck was hervor:

Zerzupfter Zipfelmütze gleich
hexenmäßig das Dauergrün.

*ein Janka

Verdummung

Aktiv gegen Stuttgart 21

Was verdunkelt die Wolke,
welche die Großen verklärt?
Das Verblassen der Wahrheit
lässt glänzen und blendet.
Geheimes, das uns bedrängt,
verschwindet im Wohlgefühl,
alles sei gut.

Der Nimbus ersetzt
weitgehend die Aura.
Der Wind, den sie uns
in Wahlkämpfen
um die Ohren blasen,
vertreibt wohl
den Lufthauch
der Anständigkeit.

Lasst euch nicht blenden.
Vertraut auf das Leichte,
nicht auf das Schwergewicht
angeblich ewig gültiger Dogmen.
Euren eignen Verstand
lasset walten.
Vernunft aber ist flüchtig,
lässt an den Biertischen
sich nimmermehr nieder.
Vorsicht also
ist dringend vonnöten.

Warum?

Warum kommen so viele Menschen
gerne zu uns in die Mitte
Europas?
Warum wären manche
ganz gerne
genauso wie wir?
Weil wir so gut sind?
Weil wir vorbildlich sind?
Weil wir etwa
solidarisch sind mit ihnen?

Oder weil
es uns gut geht,
weil wir uns durchzusetzen vermögen,
koste es Menschenleben
überall auf der Welt,
wie viele auch immer?

Wer wollte auch nicht
etwas abhaben
von der Beute,
die wir so ungeniert machen.

Ach ja,
höre ich sagen,
so tüchtig sind wir eben,
dass wir die anderen
überflügeln.

Übertölpeln
wäre vielleicht besser gesagt,
wenn es nicht
euphemistisch
gesprochen wäre noch.

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