Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 148 von 165)

Wiedergeburt

Wie Aphrodite will ich
Aus dem Bad der Reinigung
Ganz unbeschadet, unschuldig
Stark und wieder gesund
Erstehen, von dem Schaum
Der Wogen umbrandet in
Ganz neuem Glanz mich zeigen.

Ich will, was war, im Ozean
Versenken, will, wenn ich fühle
Des Sundes starke Strömung,
Aus ihm hervorgehn und
Des Wandels walten.

So wendet alles sich und geht
Von Neuem den Weg des Neubeginns,
Der ewigen Gesetzen treu
Gesundheit gibt und das Gelingen.

So kann ich in der Welt bestehen
Nach aller nicht ertrag´nen Last,
Nach Niederlagen, allem Stöhnen,
Das nun dem Jauchzen Platz macht
Und der Freude.

Sterne

Glimmersterne im weißen Sand.
Nicht bei Nacht
leuchten sie.
Sie strahlen am Tag.

Ich finde sie wieder
am Hals des Zyklopen;
von zerbrochenen Spiegeln
bedeckt
sein ganzes Gesicht.

Hinweis: Der weiße Sand ist der an der bretonischen Küste; der Zyklop ist das 22 Meter hohe begehbare Kunstwerk von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle (und anderen) bei Milly-le-Foret in der Ile de France. Vielleicht ist der Text sonst nicht ohne Weiteres verständlich.

Und nun der Höhepunkt: Gavrinis ”“ Insel der Göttin

Du erscheinst
auf der steinigen Leinwand
der Felsenträger.
In fließenden Linien,
ineinanderfließenden
Mustern. Ornamental
wirken
deine Erscheinungsformen
dem Unkundigen.
Du aber wirklich
einflussreich wirkende
Göttin,
Gavrinis ist Dein Server,
dem es gelungen ist,
deine Daten zu bewahren
über so viele
Jahrtausende.
Öffne die Augen,
dass sie nicht Schönheit
nur sehen,
die blendende,
auch wenn wir
vor ihr schon allein
niedersinken wollen
in Entzücken.
Die Frage bleibt:
Wohin sollen wir gehen?

Finistere

Konk Leon.
Au bout du monde.
Finis terrae.
Am Ende der Welt.
Finistere.

Bretonischer Hermelin
an der Einfahrt
zum Campinplatz.
Möwengezeter
am alten Hafen.
Felsen und Heide.
Hinaus in die Weite
mit den Fischerbooten?

Erst gelandet sind sie.
Das Gefühl des Verlorenseins,
es verliert sich.

Fische werden zerlegt.
Nicht nur die Möwen
freuen sich auf ein Mahl.
In der Spelunke
der Freibeuter
gibt es Galettes
mit Äpfeln
aus Avalon.

Ile de France

Die Sphären
der Quadratur begreifen.
Die vier Weltecken
als die Vielfalt des Lebens sehen.
In die Sphären eingebettet,
aber begriffen
mit den vorsichtigen
Fingerspitzen.
Die sorgfältigen
Diebsfinger
als Hinweis
auf nötige Sorgfalt achten,
lachen
über die verschwundenen
zwei Flaschen Wein,
das alte Brot,
den eben erst gekauften
französischen Käse,
sogar den inzwischen fehlenden Vorrat
an Margarine noch
im kleinen Wohnmobil.

Keine Medizin fehlte,
keine Ausrüstungsgegenstände
für die Reise,
nicht der Kraftfahrzeugschein,
den sie offen liegen ließen,
nichts von Bedeutung,
keine von den Kleinigkeiten;
den vielen Notwendigkeiten.
Im Wald von Fontainebleau,
wo wir die Ritzungen
nicht fanden
aus der Anfangszeit
begrifflichen Denkens,
die Marie König einst deutete
in den Kulthöhlen
der Ile de France:
die Sphärenkugeln
und windrosendurchkreuzten
Schalen,
die heiligen,
Himmel und Erde
je eigen bedeutend,
die Gitter,
die allumfassenden,
detailliert diese Welt
betrachtenden
und ihre Ordnung.

Keine Vulva,
kein Pfeil,
die Sterben und
wiedergeborenes Leben
in der Vereinigung
der Drei und der Vier,
von Zeit und Raum
uns versprechen
schon seit mehr
als zwanzig tausend Jahren.

Einen Tag erleben,
in dem so viel
Platz hat,
ja, hatte.

Erkenntnis

In Gittern gerastert
Die Erkenntnis der Welt.
Eckpunkte gezählt
Und die Diagonalen
Gezogen:
Quintessenzen
Destilliert.
Aus vier mach neun.
Doch zwischen den Potenzen
Tanzen unbegriffen
Die Mysterien noch.
Nur im Taumel spüren
Lassen sie sich.

Nog´noddelt

Mei Frau
Hot sich earan Kopf
Net Z”˜rechtg´setzt
Em Uffschdelldach
Vom VW-Bus
(wia´n´i g´moint hau).
Se hot an beim Nuffschdeiga
Nau richdig nog´noddelt,
sait se.

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