Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 132 von 165)

Merkwürdig

Gegenwärtiger und nahender Frost
sind Tatsachen,
die selbst das Rot von Weinblättern
nicht abstreiten kann.

Aber merkwürdiger Weise
wärmt die Erinnerung
an die Glut.

Selber

Unser Leben ist doch nicht nur lebenswert,
wenn wir es richtig präsentieren,
damit sich andere amüsieren,
damit sie fähig sind, sich lebendig zu präsentieren
mit den Einfällen, mit denen wir sie animieren:
Gehen auf allen Vieren,
Hampeln ohne uns zu genieren,
wie wir gar nicht sind uns Gerieren.
Ist´s das, was unser Leben lebenswert macht?
Ist sonst zappendustere Nacht?
Immer lustig, immer munter,
drüber und drunter, dass es nur so kracht.
Haben wir”˜s so und so richtig gemacht?

So müsst ich vermutlich weitermachen,
um mich richtig zu präsentieren,
damit sich andere amüsieren,
kann´s gar nicht passieren,

dass eines selber
einfach denkt,
seine Schritte lenkt,
selber?

Für Curts Kommentargedicht bedanke ich mich herzlich:

Frage

Ein Selbst
frei durch sich selbst bestimmt
und das sich selbst
anders benimmt
als es es selbst
erwartet hat
wenn es denn stimmt
setzt es sich matt?

Putz

Putz, Tünche oder Schminke?
Verbirgt sich altes, abgetakeltes
Gemäuer?
Wenn eine Frau sich schminkt,
ist das o.k. Doch so ein rechter Mann?
Ist es bei ihm auch noch geheuer?

Wenn unser Häuschen jetzt
in neuem Putze strahlt,
ist´s uns so wohl ums Herz.
Wenn Traditionen uns
das Leben miteinander heut vergolden,
sind sie statt schwerer Last doch eher Scherz.

Wann hält die Ehe besser, wenn schon ihr Beginn
in frohe Heiratsbräuche eingebettet
oder in Eh´gesetzen sie nur klar geregelt?
Wenn sie bedacht durch schöne alte Riten
in Stand gesetzt, im Ehestand zu leben,
so recht erblüht und man sich nicht hineingeflegelt?

Genießend einen Hauch von Riechwasser mit edlen Düften
statt ausgesetzt dem Leiden in den rauen Lüften?
Ist das nicht menschlicher im besten Sinne
und auch Voraussetzung für das Gelingen schönster Minne?

Wenn´s uns nur gut tut
und nicht was verhüllt,
was wir doch wissen müssten,
ist es edel.
Doch ist”˜s gemein,
wenn ich statt eine Form zu ehren,
die unser Dasein so bereichert,
mit dem so billigen
Dekor nur wedel.

Beamten-Ethos*

Wer trägt die Verantwortung
eines Amtes?
Wem antwortet die Person?
Was trägt die verantwortliche Person?

Antworten kann man nur auf Fragen.
Fragen stellen sich und
man muss sie ertragen.
Aber nur Trächtige
bringen etwas hervor.

Gebären soll
der Verantwortung Tragende.
Ent-behrung
der von ihm Abhängigen
soll er vermeiden
nach Möglichkeit
und gerechtem Ermessen.

Dulden, ertragen können:
die Haltung
des Verantwortung Tragenden,
damit Dulden
nicht Erleiden heißt
bei den Abhängigen.

Alles hat
ein Ziel, ein Telos.
Das Telos des Beamten
ist nicht sein eigenes Ziel.

Oder er ist korrupt.
Dann ist er kein
geschickter Gesandter
des Volkes.

Er trägt
etwas davon,
ist ein Dieb.

Und das Volk
hat nichts davon
und trägt nur
die Lasten.

Wer aber Lasten trägt
für das Gemeinwohl,
erträgt die Weisungen
duldsam.

*orientiert an der Etymologie der Wörter:
– dulden (ahd. thulten, von thult=Geduld, dies von tholen ”“ siehe lat. tollere/tolerare ”“ siehe tolerieren ”“ siehe gr. telos= Aufgabe, Ziel)
– gebären (ahd. bern: hervorbringen, erzeugen, mhd.: Frucht tragen, hervorbringen, gebären, von idg. bher: tragen, bringen, hochheben; siehe ”˜empor”˜=in bore= in die Höhe; siehe empören)
– Amt (ahd.ambahti/ambath von kelt. ambaktos=Herumgesandter; siehe lat: agere/actus; siehe aktiv)

Übrigens: Auch Regierungsmitglieder sind Beamte!

Humor ist …

Humor ist
Nicht zu Hause
Sowieso nicht
Bei Linken
Hörte ich kürzlich
Zu kurz gegriffen
Von einem Konservativen

Heiterkeit verbreiten
Angesichts eines Hungers
Ist schwierig
Schwerwiegendes
Lässt dich nicht
Den Bauch halten
vor Lachen

Höchstens
Galgenhumor
Hält das Seil noch

In Feierlaune am 3. Oktober 2009

Verteilungskämpfe spitzen sich zu.
Die Kluft zwischen Arm und Reich
Wird deutlich größer.
Arbeitsplätze durch Heuern und Feuern.
Atomkraftwerke produzieren
Fleißig Plutonium
Für Jahrtausende
Im Grundwasser der Nation.
Die Prognosen
Waren schon bekannt
vor der Wahl.

Auch beim Wählen?

Löcher

Zeile an Zeile gestrickt.
Die Fülle des Herbstes
gelingt mir nicht mehr.
Löcher in der Textur
lassen den Winter
schon ahnen.

Kommentargedicht zu „Düstere dunkle traurige tragische Katastrophe“ von Sturznest. Ich habe aber das Gefühl, es könnte auch alleine stehen, weil es ja ein allgemein bekanntes Gefühl anspricht.

Hermann Josef hat „mit melancholischer Hoffnung“ Folgendes entgegnet:

ich lege meine herzschläge
auf die haut deines rückens
und meine hände
flechten ein band aus zärtlichkeit
über die kalten winde
ich lege meine herzschläge
unter die haut deines rückens
und meine müden augen
entzünden herbstlaternen
für die kommende zeit

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