Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Haiku-Quartett

Luftig liegt es sich
auf dem Rücken auf dem Ast
des alten Nussbaums.

Grüße schicke ich
hinauf die kahlen Zweige
in blauen Äther.

Unten sind ja doch
die politischen Klagen
nicht gerne gehört.

Die Klagen hab ich
weit ins Blaue geleitet.
Doch es umgibt uns.

Stammtischparolen

Überzogene Forderungen an Ferntouristen Verzicht zu üben
sind unliberal.
(Es gibt andere Möglichkeiten CO2 einzusparen)

Überzogene Investitionen in Kinderkrippenplätze
sind Verschwendung.
(Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut)

Überzogener Kündigungsschutz
ist arbeitsplatzfeindlich.
(Wer stellt noch Arbeitskräfte ein, wenn hire and fire nicht geht?)

Überzogene Forderungen nach Menschenrechten in Guantanamo
sind nicht zumutbar.
(Wie sollen wir uns sonst gegen den Terrorismus verteidigen?)

Überzogener Anstand ohne Möglichkeit zu beleidigen
ist so beschwerlich.
(Und ein offenes Visier ist doch ehrlicher)

Überzogene Kapitalismuskritik aber
gibt es nicht.
Kapitalismuskritik geht gar nicht.

Lob der Privatisierung

Öffentliche Sicherheit
ist begraben
in privatisierten Gefängnissen.
Arbeitsplatzsicherung dort
hat Vorrang vor Resozialisierung
der Kunden:
„Beehren Sie uns bald wieder!“

Private Pharmaforschung
rentiert sich besser,
wenn Mittel gegen die Folgen
des Übergewichts dann
an Reiche verkauft werden können.
Mittel gegen die Schlafkrankheit
vieler Armer in den Tropen
sind ein Verlustgeschäft.

Privates Jammern
über den regulierenden Staat
propagiert lieber den Markt,
auch wenn dieser das Wasser
den Meistbietenden offeriert
und nicht den Bedürftigen.

Ein Lob der Privatisierung!
Der Markt drückt im Zweifel
die stärkste Demokratie
an die Wand.

Adornos Sicht

Gerade habe ich das folgende Zitat Adornos gefunden und mich in meinen Gedanken aus „Theorie der Lyrik“ sehr bestätigt gefunden:

„Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein: je schwerer er lastet, desto unnachgiebiger widersteht ihm das Gebilde, indem es keinem Heteronomen sich beugt und sich gänzlich nach dem je eigenen Gesetz konstituiert. Sein Abstand vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem. Im Protest dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre. Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt, der Herrschaft von Waren über Menschen, die seit Beginn der Neuzeit sich ausgebreitet, seit der industriellen Revolution zur herrschenden Gewalt des Lebens sich entfaltet hat.“ (S. 51f.)

Aus Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft, in: ders.: Noten zur Literatur, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt/M. 1981, S. 49-68    –    zitiert nach https://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/main.htm

Der Satz „Sein Abstand [also der des lyrischen Gebildes] vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem.“ ist vielleicht etwas überpointiert, aber er ermöglicht den Einfluss des Anderswelt-Denkens und -Fühlens als Korrektiv.

Soweit ich Adorno begreife, ist mit seinem Zitat auch die Problematik von gesellschaftlich geforderter und im Wirkenwollen bei der Veränderung der Gesellschaft beanspruchter Authentizität angesprochen.

Leben

Es ist in mir
und außer mir:
lebendes Leben
und gelebtes,
wiedergebärendes
und wiedergeborenes,
abgeklärte Erfahrung
und jauchzendes Suchen.

Die Rose blüht
und verwelkt
und das Gänseblümchen,
versteckt im Strubbelgras.

Die Hagebutte
leuchtet und glänzt ja mehr noch
im Regenschauer.

Ein Gedicht wächst
in den Ganglien
und lässt sich dann hören.

Ich wäre sehr gespannt auf Kommentare. Zum Beispiel wüsste ich gerne, wie der Haiku (die 3. Strophe) sich einpasst. Helmut Maier

Programmierer

Programmierer
wäre ich so gern.
Ich würde mir die beste Software
programmieren
und keinen Error würd´ ich nun mehr
produzieren.
Nur mehr die Userin, der User
würde profitieren.
Und gar kein Multi und kein Medienstaat
würd´ mich noch länger
manipulieren.

Ach, liebe Programmierer,
vereinigt euch
und programmiert
nur noch von solchen Sachen
und weigert euch,
was anderes zu machen.

Programmiert doch endlich
den nicht mehr auszuspionierenden
Diskurs.
Programmiert
den jeweils neuesten Konsens,
der keinen in den Löchern
des Rechthabens noch sitzen lässt
und keinen im Verdruss,
dass er sich übers Ohr barbiert
doch fühlen muss.
Programmiert
den Friedenswillen,
der nicht scheinbar ganz humanitär
den Waffeneinsatz letztlich
zum Zugang zu Ressourcen
durchsetzen will.
Programmiert doch endlich
dergestalte Kleinwaffen-Kaliber,
die Menschen absichtlich verfehlen,
weil sie sie erkennen
als Weichziele,
die sehr verletzlich sind.
Ach, programmiert uns endlich doch
den Frieden.

Ach ja,
ich wär so gern
ein Programmierer dann.

Weiter, weiter

Matthias Planitzer hat folgendes Gedicht geschickt und stellt es den Besuchern zur Diskussion.

Das Gedicht heißt

Weiter, weiter

Fahre weiter, fahre weiter,
Schiffchen, Schiffchen, aus dem Sinn.
Mit dem Wind nur treibe weiter,
sollst vergessen, wer ich bin.

Lass mich hier die Stille finden,
die doch jung verloren ging.
Will nicht weiter, nur entschwinden
jenem Schleier, der mich umfing.

Nur mein Täubchen soll mich führen,
fliegen, fliegen weit vornweg.
Deinen Schutz möcht ich verspüren,
deine Schwingen seien mein Versteck.

Ach, so trag´ mich in die Ferne,
zeig´ mir, wo ich rasten kann.
Schenk mir Frieden, schenk mir Wärme,
setz´ mich dann nieder irgendwann.

Fliege weiter, fliege weiter,
Täubchen, Täubchen, aus dem Sinn.
Lass mich hier und ziehe weiter,
will vergessen, wer ich bin.

© Matthias Planitzer

Kommentare, die beleidigend sind, werden gelöscht. (HM)

Das Gedicht ist auch auf dem Blog des Autors zu finden:
https://philobiblog.pytalhost.com
(Anzuklicken im nebenstehenden Blogroll)

Die Klippen von Moher

Aphroditisch steigen Klippen aus dem Meer.
Schaumgeboren aus Atlantikwellen.
Um Möwenzinnen lagert Marinblau.
Eisengold in den Felsen glänzt so verlockend.
Grasbüschelweiden für Schafe
grünen über steinernem Elefantenrüssel.
Der säuft Vergessenswasser aus den Tiefen.
Schreiende Vögel umkreisen
Europas Unschuldsgesicht.

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