Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Comedy Werbung

Lustige Werbung
für Alkopops.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht die Werbung
fürs Flatrate-Trinken.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Lustiges Leben
mit Alkopops.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht das Leben
mit Flatrate-Saufen.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Lustige Gesellschaftsspiele
am Rande des Todes.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht dem Tod
ins Gesicht zu sehen
des Opfers.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Seien wir ehrlich!
Das Originalzitat,
vorgeführt in Monitor*,
hieß in Wirklichkeit:
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und mehr Konsum.

Freie Werbung
für freie Wirtschaft.

*22.3.07

UNESCO-Welttag der Poesie bzw. Lyrik

Mi 21.03. 20:00 Poetische Zone ”“ Welttag der Poesie 2007

Mit Christiana Avraamidou Zypern Elfriede Czurda Wien/Berlin Arjen Duinker Niederlande Christopher Edgar USA Bálint Harcos Ungarn Istvan Vörös Ungarn Moderation Knut Elstermann Journalist, Berlin

Gedichte sind Texte, die gehört werden wollen. Sie leben nicht allein auf dem Papier, in der Datei oder im Kopf des Lesers, sondern gleichermaßen in der Stimme des Autors, im Ohr des Hörers. Deshalb bekräftigt der Welttag der Poesie der UNESCO ”“ im Jahr 2000 ins Leben gerufen ”“ nicht allein den Stellenwert der Poesie und die Vielfalt des Kulturgutes Sprache, sondern ebenso die Bedeutung mündlicher Traditionen. Jährlich zum Welttag der Poesie versammelt die Literaturwerkstatt Berlin gemeinsam mit ihren Partnern Lyriker aus aller Welt. 2007 kommen sie aus fünf Ländern ”“ Gelegenheit für eine Weltschau der Poesie.
Eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Stiftung Ï€Brandenburger Tor„¢ mit der Akademie Schloss Solitude, dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD, der Botschaft der Republik Zypern, der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, der Deutschen UNESCO-Kommission e.V., dem Kulturforum der Österreichischen Botschaft und dem Nederlands Literair Productie- en Vertalingenfonds, Amsterdam

Unter Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission e.V.

Weitere Hinweise zum UNESCO-Welttag:
https://www.unesco.org/poetry/bienvenue.php?initia=english

Zugang zur Lyrik vom Traum aus

Träume sind Antworten auf das, was um uns war und ist und sein wird: Antworten auf Eindrücke von Gewesenem, Seiendem und Kommendem.  Am reichsten sind die Träume als Antworten auf Eindrücke nicht nur aus der sogenannten Realität, der realisierten, realen und in der Realität manifest werdenden, sondern auch aus der konjunktivischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer alternativen, auch möglichen, auch wirkenden, auch erscheinungsmanifesten Welt ”“ auch wenn sie ”šnur”˜ im Konjunktivischen, im Verborgenen bleibt, aber dennoch zum Erfahrungsschatz beiträgt.

Gedichte sind sprachlich verfestigte Ausflüsse solcher Antworten, die aus dem Unbewussten ins Bewusste gelangt sind, aber dabei das Geheimnis ihrer Erscheinungsformen als Träume bewahrt haben. Das ist zum Beispiel möglich in Versenkungen, Wachträumen und Visionen, aber auch in Erinnerungen an Träume im Schlaf, die nicht platt gedeutet, sondern in Empfindungen umgesetzt werden. Daher kommt wohl die Empfindlichkeit des Lyrik hervorbringenden Menschen und bedarf die Lyrik der Empfindsamkeit des sie lesenden oder hörenden Gegenübers.

Eine Gruppe der lyrischen Ausdrucksformen sind Ironie, Paradoxie und Satire. Sie werden oft als ”šnur”˜ kabarettistisch oder gar als platt abgetan und nicht als lyrische Ausdrucksmittel zugelassen oder akzeptiert. Sie sind aber eben dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht bloße Abbilder der Realität sind und auch nicht nur unreflektierte (also im Wortsinn ”šnicht einmal gespiegelte”˜) Reaktionen auf  reale, unhinterfragte und plump wiedergegebene Erlebnisse sind. Gerade aber die Qualität des Verneinens von platter Gültigkeit, der Infragestellung des Augenscheins, der Erschütterung von Feststehendem macht sie zu ebenbürtigen Partnern anderer lyrischer Ausdrucksformen.

Stammtischparolen sind davon das genaue Gegenteil. Das heißt erstens nicht, dass alles, was an Stammtischen gesprochen wird, als Stammtischparole abgetan werden kann, ach bewahre. Zweitens heißt das nicht, dass Stammtischparolen als solche gekennzeichnet nicht gerade durch die Denunzierung satirisch gespiegelt zum lyrischen Mittel werden können.

Haiku-Quartett

Luftig liegt es sich
auf dem Rücken auf dem Ast
des alten Nussbaums.

Grüße schicke ich
hinauf die kahlen Zweige
in blauen Äther.

Unten sind ja doch
die politischen Klagen
nicht gerne gehört.

Die Klagen hab ich
weit ins Blaue geleitet.
Doch es umgibt uns.

Stammtischparolen

Überzogene Forderungen an Ferntouristen Verzicht zu üben
sind unliberal.
(Es gibt andere Möglichkeiten CO2 einzusparen)

Überzogene Investitionen in Kinderkrippenplätze
sind Verschwendung.
(Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut)

Überzogener Kündigungsschutz
ist arbeitsplatzfeindlich.
(Wer stellt noch Arbeitskräfte ein, wenn hire and fire nicht geht?)

Überzogene Forderungen nach Menschenrechten in Guantanamo
sind nicht zumutbar.
(Wie sollen wir uns sonst gegen den Terrorismus verteidigen?)

Überzogener Anstand ohne Möglichkeit zu beleidigen
ist so beschwerlich.
(Und ein offenes Visier ist doch ehrlicher)

Überzogene Kapitalismuskritik aber
gibt es nicht.
Kapitalismuskritik geht gar nicht.

Lob der Privatisierung

Öffentliche Sicherheit
ist begraben
in privatisierten Gefängnissen.
Arbeitsplatzsicherung dort
hat Vorrang vor Resozialisierung
der Kunden:
„Beehren Sie uns bald wieder!“

Private Pharmaforschung
rentiert sich besser,
wenn Mittel gegen die Folgen
des Übergewichts dann
an Reiche verkauft werden können.
Mittel gegen die Schlafkrankheit
vieler Armer in den Tropen
sind ein Verlustgeschäft.

Privates Jammern
über den regulierenden Staat
propagiert lieber den Markt,
auch wenn dieser das Wasser
den Meistbietenden offeriert
und nicht den Bedürftigen.

Ein Lob der Privatisierung!
Der Markt drückt im Zweifel
die stärkste Demokratie
an die Wand.

Adornos Sicht

Gerade habe ich das folgende Zitat Adornos gefunden und mich in meinen Gedanken aus „Theorie der Lyrik“ sehr bestätigt gefunden:

„Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein: je schwerer er lastet, desto unnachgiebiger widersteht ihm das Gebilde, indem es keinem Heteronomen sich beugt und sich gänzlich nach dem je eigenen Gesetz konstituiert. Sein Abstand vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem. Im Protest dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre. Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt, der Herrschaft von Waren über Menschen, die seit Beginn der Neuzeit sich ausgebreitet, seit der industriellen Revolution zur herrschenden Gewalt des Lebens sich entfaltet hat.“ (S. 51f.)

Aus Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft, in: ders.: Noten zur Literatur, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt/M. 1981, S. 49-68    –    zitiert nach https://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/main.htm

Der Satz „Sein Abstand [also der des lyrischen Gebildes] vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem.“ ist vielleicht etwas überpointiert, aber er ermöglicht den Einfluss des Anderswelt-Denkens und -Fühlens als Korrektiv.

Soweit ich Adorno begreife, ist mit seinem Zitat auch die Problematik von gesellschaftlich geforderter und im Wirkenwollen bei der Veränderung der Gesellschaft beanspruchter Authentizität angesprochen.

Leben

Es ist in mir
und außer mir:
lebendes Leben
und gelebtes,
wiedergebärendes
und wiedergeborenes,
abgeklärte Erfahrung
und jauchzendes Suchen.

Die Rose blüht
und verwelkt
und das Gänseblümchen,
versteckt im Strubbelgras.

Die Hagebutte
leuchtet und glänzt ja mehr noch
im Regenschauer.

Ein Gedicht wächst
in den Ganglien
und lässt sich dann hören.

Ich wäre sehr gespannt auf Kommentare. Zum Beispiel wüsste ich gerne, wie der Haiku (die 3. Strophe) sich einpasst. Helmut Maier

Programmierer

Programmierer
wäre ich so gern.
Ich würde mir die beste Software
programmieren
und keinen Error würd´ ich nun mehr
produzieren.
Nur mehr die Userin, der User
würde profitieren.
Und gar kein Multi und kein Medienstaat
würd´ mich noch länger
manipulieren.

Ach, liebe Programmierer,
vereinigt euch
und programmiert
nur noch von solchen Sachen
und weigert euch,
was anderes zu machen.

Programmiert doch endlich
den nicht mehr auszuspionierenden
Diskurs.
Programmiert
den jeweils neuesten Konsens,
der keinen in den Löchern
des Rechthabens noch sitzen lässt
und keinen im Verdruss,
dass er sich übers Ohr barbiert
doch fühlen muss.
Programmiert
den Friedenswillen,
der nicht scheinbar ganz humanitär
den Waffeneinsatz letztlich
zum Zugang zu Ressourcen
durchsetzen will.
Programmiert doch endlich
dergestalte Kleinwaffen-Kaliber,
die Menschen absichtlich verfehlen,
weil sie sie erkennen
als Weichziele,
die sehr verletzlich sind.
Ach, programmiert uns endlich doch
den Frieden.

Ach ja,
ich wär so gern
ein Programmierer dann.

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