Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Windfluten – ein Bretagnegedicht von 1997

Aus den Fluten Gestieg’ne,
nun rufst du den Wind vom Meer:
Er läßt deine Haare flattern.
Und wenn die Wellen
auf die Klippen hochspringen,
sammeln sich leuchtende Flächen
in den heiligen Becken.

Im Vergehen schon wieder
verströmen die Brunnen
doch Kraft
im Labyrinth der Felsen.

Den weißen Gischt
unter den Wolkenhaufen
packt ein Sturmwind
aus dem graugrünen Gewoge.

Die Stirne
umstreichen
Gischttropfen und Schauerschleier
gemeinsam
und wecken den Widerhall
meiner Worte.

Die Windkräfte reißen sie mit sich
über die Heide.
Erst in den fernen Dolmen
legen sie sich
zur Ruhe.

All‘ die Jahre

An die Friedenstauben
habe ich mich solangsam gewöhnt,
die in unserem Kreis
herumtrippeln,
durch ihn durchfliegen,
manchmal knapp an unseren
Köpfen vorbei,
an der Nikolauskapelle,
vor der wir immer wieder stehen
freitags
und beim provokativen
„Schweigen für den Frieden“
Unterschriften sammeln
– gegen den Bundeswehreinsatz in
Afghanistan
– für die Abschaffung
aller Atomwaffen
– für einen gerechten Frieden
in Palästina
– gegen …
– für …

An all”˜ diese unerledigten Probleme
können wir uns nämlich
gar nicht
gewöhnen.

Blinde Blindenführer

Geübte Blinde können durchaus
Blinde führen. Sie dürfen nur nicht
meinen, sie seien sehend. Dann
vermögen sie sie vielleicht
sogar zu verführen
zur rosageränderten Zuversicht,
die Äpfel von Avalon eines Tages
zu finden.

Berufsehre

Mit am Obschd- ond Gardabauverei
send´se en Venedig gwea
selligs Mol,
meiner Muader ihr Freinden,
meim Opa sei Putzfrau,
a ganz liabe Frau
ond ihr Mo.

Hoimkomma isch se
ond hot verzeelt:
Dert miaßtet se
halt amol wieder
an Großputz macha.

Verlässlichkeit

Gibt es auch Elend, Jammer, Not, Verbrechen
in diesen Zeiten, nichts
kann dieses Frühjahr hindern
sein blütenweißes Festkleid anzulegen
wie je, gar unter´m Himmelblau
in rosaroter Hoffnung
auf die wiederkehrende,
ja immer neue Wende
hin zum Guten.

Kirschblütenschaum

Kirschblütenschaum,
den Saum umhüllt er
der Teck,
des Herzogsbergs.

Baumgeäst streckt
seine bräutlich geschmückten
Zweige ins bullige Blau.

Träume sind hier
begraben
in Owen.

König für einen Tag
des Heiligen Römischen Reichs
war Konrad von Teck,

ermordet
in der zweiten Nacht
nach seiner Wahl

1292.

Ausweg

Angstvolle Schritte ins Abseits
führen zurück auf
ausgetretene Pfade
und
nicht in Neuland.

Auf kühnes Marschieren
in Neuland
lauert das
Moor.

Lernen wir nicht
zu fliegen,
Wunder werden
dann nimmer.

1913 noch 2008

Sind deutsche Frauen,
wenn sie Mutter wurden
vor 1975,
als Personen ohne eigene
Rechtsmacht zu sehen?

Ihre Töchter und Söhne
von damals,
die nicht rechtzeitig
etwas taten,
was Kinder von
deutschen Männern
nie tun mussten,
um Deutsche zu sein:

eine förmliche Erklärung abgeben,
dass sie wie andere Kinder
eines deutschen Elternteils
Deutsche sein wollten,

sind Ausländer heute
selbstverständlich
und stellen vielleicht
einen abzulehnenden
Asylantrag.

Wer das nicht für möglich hält, lese das hier (anklicken!)

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