Je greifbarer Erwünschtes wird, desto genauer sehen wir seine unerwünschten Details.
Kommentar zu Syntaxias „Manches Erwünschte„
Lyrisches von Helmut Maier
Je greifbarer Erwünschtes wird, desto genauer sehen wir seine unerwünschten Details.
Kommentar zu Syntaxias „Manches Erwünschte„
Geheime Schriftzeichen
von irgendwoher
bilden sich ab vor dem Himmel:
die knorrigen Äste des Winters.
Kommentargedicht zu Syntaxias „Was der Herbst geschafft“
Der Schiller war halt Schwabe*,
das merkt man überall;
nicht groß war seine Habe,
hatte kein Pferd im Stall.
So glaube ich: Er hatte Schulden
und konnte wer sich nicht gedulden,
so hätte der’s ihm abgespannt.
So war das Brauch damals im Land.
Als Schwabe hat der Schiller auch,
wie’s noch bei meiner Oma Brauch
nicht ö und ü streng unterschieden
von ee und ii und so hinieden
der Schwaben Mundart (muss man sagen)
zur Klassik gradewegs getragen.
*Altwürttemberger jedenfalls (obwohl es damals kein Neuwürttemberg gab)
Man stelle sich bloß einmal vor, jemand würde Schiller heute so vortragen, wie meine Oma das gelesen hätte (siehe auch Kleine Reimkunde I), z.B. das heute so lesen: [wirde der fraoen]: Würde der Frauen – vorgestellt von Hermann Josef Schmitz.
Einige Verspaare daraus zum Beleg:
Und in der Grazie züchtigem Schleier
Nähren sie wachsam das ewige Feuer
Aber mit zauberisch fesselndem Blicke
Winken die Frauen den Flüchtling zurücke
In der Mutter bescheidener Hütte
Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte
Nimmer ruht der Wünsche Streit,
………………….. (Nimmer, wie das Haupt der Hyder)
Ewig fällt und sich erneut.
Aber wie leise vom Zephyr erschüttert,
Schnell die äolische Harfe erzittert
In des Mannes verdüstertem Blick,
………………… (Klar und getreu in dem sanfteren Weibe)
………………….(Zeigt sich der Seele kristallene Scheibe,)
Wirft sie der ruhige Spiegel zurück.
Löschen die Zwietracht, die tobend entglüht,
…………………(Lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen,)
…………………(Sich in der lieblichen Form zu umfassen,)
Und vereinen, was ewig sich flieht.
Hütet der Züchtigkeit köstliche Blüte,
Hütet im Busen des Weibes die Güte,
Aber in kindlich unschuldiger Hülle
Birgt sich der hohe, geläuterte Wille
Aus der bezauberten Einfalt der Züge
Leuchtet der Menschheit Vollendung und Wiege
Noch wenigstens ein Reimpaar/Verspaar zum Beleg von ö=ee (eh):
Mutig sprang er im Gewühle der Menschen,
Wie auf Gebirgen ein jugendlich Reh;
Himmel umflog er in schweifenden Wünschen,
Hoch wie die Adler in wolkigter Höh‘;
(diesmal aus „Eine Leichenphantasie“, vorgestellt hier: hier)
fürs Verstehen Schriftdeutsch sprechender Schwaben
Im Schwabenland, da reimt sich zwei
Nicht wirklich rein auch auf die Drei [dreii].
Es reimt sich aber auf den Mai.
Doch reimt´s gewiss sich nicht auf frei. [freii]
Sprach Oma* schriftdeutsch, war die Freude [fraide]
ein Reimwort auch für alle beide:
für „tu mir bitte nichts zu Leide“
und auch fürs schöne Sommerkleide.
Egal wie ausgesprochen: Freude, [fraide ”“ oder: froide]
es reimte sich noch nie auf Leute. [leiide ”“ oder: loiite]
Auch was ich gar nicht gerne leide [leiide],
das reimt sich nicht auf alle beide.
Was gibt´s denn da für ein Gejaule […jauule]
(das reimt sich nämlich auch auf Faule!)?
Doch spricht ein Schwabe von sei´m Fraule, [fraole]
Hat´s die Verkleinerungsform ja, genau: le.
So reimt sich eben grau und blau,
das wissen alle ganz genau.
Doch reimt sich das nicht auch auf schlau; [schlauu]
ein Reim d e r Sorte wäre rau. [rauu]
*wahrscheinlich noch genau so wie Schiller zu seiner Zeit
Das Böse, das ist das Unvollkommene, das vorgibt, das Vollkommene zu sein.
Wann´s richdich en mir brodlat,
no bruddel i net bloß.
Ond wann d´r Schmerz isch groß,
ka´s sei, dass no ois jodlat.
Die Freiheitsflügel
der couragierten Gedanken
überwanden die Mauer
im Flug; und schließlich
mit oder ohne Seelengeleiter
warfen mit Mut in den Muskeln
die Menschen in den Orkus die Mauer.
Sie strömten ins Land,
wo Milch und Honig
für die Besserverdienenden
reichlicher floss.
Was macht so was schon
für die da klettern
auf die Mauer des Gefängnisses
gemeinsamer Kargheit
und tanzen?
Erst wieder ernüchtert
fühlten viele, wie schwer
Arbeitslosigkeit drückt
auch im Paradies,
wohin die Eingesperrten
drängten um jeden Preis.
Welch ein Entsetzen für viele,
dass oft aus dem Ei der Freiheit
die Vogelfreiheit dann schlüpfte.
Am langen Tisch, da sitzen
beim Raclett der Enkel,
seine Mutter,
die Kusine des Enkels,
die Schwester der Mutter
des Enkels,
die Großeltern auch,
die zwei Mitbewohner,
einer davon der Freund
der Mutter;
dessen Tochter mit
der zweiten Kusine
und deren Eltern,
adoptiert, angeheiratet:
eine Struktur aus Patchwork
und Wohngemeinschaft gemischt:
Vielfalt.
Mit dem Vaterunser
ist es
wie mit dem Paternoster:
Immer im Kreis,
aber dem der Ziege am Pflock,
der auf der Stelle treten bedeutet.
Nicht im fruchtbaren Zyklus des Werdens
von Winter und Sommer.
Immer auf und ab,
börsengleich,
das heißt letztlich doch: ab:
mit Stellenabbau,
ohne lebendige Entwicklung.
Aber er ist
ja vielleicht
überfordert,
der Alleinerziehende.
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