Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 84 von 165)

Blanke Ironie

Neuerdings beobachte ich Talkshows
genau:
Es werden immer mehr
humanitäre Gründe ins Feld geführt,
um Soldaten weltweit
ins Feld führen zu können
ohne Widerstand
in unserem Land.
Wir müssen die Einsätze ja
auch legitimieren,
sagt Kujat.

Lässt das nicht eigentlich
hoffen für die Zukunft?
Denn irgendwann
ist doch die Grenze erreicht
unserer Humanität.

Ich bin

Ich bin ich,
spricht die göttliche Seele,
wenn Du bist.
Wenn Du bist,
bin ich eine göttliche Seele,
in der Du lebst,
Du göttliche Seele.

Die göttliche Mutter
lächelt.

Wir sind wir,
spricht die göttliche Mutter,
sollt ihr sagen
können,
aber:
wir alle,
nicht abgesondert
vom Leben
der andern.

Die göttlichen Seelen jauchzen
im Chor.
Vielstimmiger Klang
verhindert
Eintönigkeit.

Ein Werk,
gemeinsam
wird es geboren,
weltumspannend,
aber nicht weltbeherrschend.

Frieden,
er jauchzt
über das Opus.

Mali

Wenn das Kind in den Strudel gefallen ist,
baue man einen Staudamm davor
und überflute die Stadt in dem Tal
ohne Vorwarnung.
Man darf ja keine
Zeit verlieren.

Auch etwa die Kinder
vor dem Strudel zu warnen,
ist dann überhaupt
keine Zeit mehr.

Bamako
wäre inzwischen
Kandahar,
hätte der Staudamm-Bau
nicht schon begonnen,
höre ich sagen.

Beschränkung

Ist Beschränkung Beschränktheit?
Sind Schranken Behinderungen?
Eingesperrt wollen wir nicht sein.
Hinaus in die feindliche Welt?
Was trauen wir uns zu?
Zu wenig? Zu viel?

Verkrochen sind wir gebrochen.
Hinauszustürmen ist mutig zu sein?
Nehmen wir uns mit
in die Feindseligkeits-Szene?
Oder in die globale Kooperation,
wo wir den Überblick behalten wollen,
die Kontrolle als der Pate?

Oder sind wir dankbar
für jede Hilfe zum Leben,
die freiwillig geschieht,
weil wir Menschen angewiesen sind
auf gegenseitige Hilfe.

Zu erkennen, wo sie liegt,
die Chance zur Kooperation, in dem,
was wir aus uns herauslassen,
was wir in uns hineinnehmen,
was wir weitertradieren,

was bleibt,
wie schwierig ist das!
Aber wie wichtig!

Die Zweite Aufklärung*

Versäumst du das Leben,
während du Plänen folgst?
Selbstverschuldete Unmündigkeit,
hindert sie uns am Fühlen,
während wir wissenschaftsgläubig
nur denken?

Ein Stirnrunzeln
kann allerdings helfen,
wenn wir Fühlen
für Denken halten.

Spontanes Handeln dagegen
erlaubt es nicht
und die Gefahr ist,
dass wir nicht leben
lernen

beim dauernden Stirnrunzeln.

*Mein Resümee des Stern-Artikels „Weniger planen, mehr leben!“ von Rüdiger Barth
(Stern Nr. 2, 2013).

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