Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 63 von 165)

Spätherbst*

Ginkgo im gelben Festtagskleid.
Drüber nacktes Geäst am Himmel.
Hinter dem Pfarrhausdach lugt keck was hervor:

Zerzupfter Zipfelmütze gleich
hexenmäßig das Dauergrün.

*ein Janka

Verdummung

Aktiv gegen Stuttgart 21

Was verdunkelt die Wolke,
welche die Großen verklärt?
Das Verblassen der Wahrheit
lässt glänzen und blendet.
Geheimes, das uns bedrängt,
verschwindet im Wohlgefühl,
alles sei gut.

Der Nimbus ersetzt
weitgehend die Aura.
Der Wind, den sie uns
in Wahlkämpfen
um die Ohren blasen,
vertreibt wohl
den Lufthauch
der Anständigkeit.

Lasst euch nicht blenden.
Vertraut auf das Leichte,
nicht auf das Schwergewicht
angeblich ewig gültiger Dogmen.
Euren eignen Verstand
lasset walten.
Vernunft aber ist flüchtig,
lässt an den Biertischen
sich nimmermehr nieder.
Vorsicht also
ist dringend vonnöten.

Warum?

Warum kommen so viele Menschen
gerne zu uns in die Mitte
Europas?
Warum wären manche
ganz gerne
genauso wie wir?
Weil wir so gut sind?
Weil wir vorbildlich sind?
Weil wir etwa
solidarisch sind mit ihnen?

Oder weil
es uns gut geht,
weil wir uns durchzusetzen vermögen,
koste es Menschenleben
überall auf der Welt,
wie viele auch immer?

Wer wollte auch nicht
etwas abhaben
von der Beute,
die wir so ungeniert machen.

Ach ja,
höre ich sagen,
so tüchtig sind wir eben,
dass wir die anderen
überflügeln.

Übertölpeln
wäre vielleicht besser gesagt,
wenn es nicht
euphemistisch
gesprochen wäre noch.

Von der Mär der Beendigung

Der Widerstreit bunter Blätter
und der Blütenpracht frischen Beginns,
zwischen Lebensfülle
und Erfüllungszeichen
abgeschlossenen Wachstums,
wie hadern doch Gedankensplitter
inneren Wahrnehmens miteinander
im Unentschieden der Sichtweisen.

Wie rasch sind wir geneigt
Wertungen aufzustellen,
diese irreführenden Wegweiser.
Wäre der Herbst keine Jahreszeit,
ließe er uns erzittern
im Angesicht kommenden Frosts
und verzweifeln.

Entmutigung

„Ich bin eben kein Gerechter“.
Auch hier hätte er es sagen müssen,
da er als von den Resten der Drachenbrut spricht
über die Linken
in der Bundestags-Feierstunde
zum Gedenken des Mauerfalls,
hier als reaktionär er sie beschimpft.
Aber er sagte es nicht,

Damals sagte er es, als er zugeben
meinte zu müssen, ungerecht sei es gewesen,
als er von der Jauche sprach,
in die er gekommen sei.
Inzwischen hält er es aus,
privilegiert in der Jauche zu sitzen.

Oh Biermann,
deine Ermutigung,
einmal liebte ich sie.
Nun entmutigt sie mich fast,
nimmt mir die Hoffnung,
besser könnte es werden
und gerechter
in diesem Land,
oh Biermann!

So ist es

Oh, wie weit entfernt bin ich doch
vom jubelnden Kyriegesang.
Ich glaube an keinen HErrn oder Herrn mehr.

Domine eleison halte ich nicht mehr
für erstrebbare Erleichterung.
Selbst urteile ich über mich.

Jubel ist wirklich angebracht,
wenn ich zufrieden bin mit mir.

Zufriedenheit mit der Gesellschaft
brächte unbeschreiblichen Jubel.

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Maier-Lyrik

Theme von Anders NorénHoch ↑