Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 32 von 165)

Auffallend

Nur kleine Restchen von Schnee
– im Straßenkandel
– auf dem Autoabstellplatz
– auf den Rändern der Stufen zur Haustüre hinauf
– auf dem Erdhügel im Gärtchen
– inmitten der Lavendelzweigchen

Der Winter ist
aber noch lange nicht zuende.

Mut

Beim Weihnachtsgedichte-Wettbewerb von Rosens Lyriksalon in Esslingen habe ich als Teilnehmer ein Päckchen Russisch Brot erhalten. Das habe ich vor dem Verzehr noch damit gemacht:

 -

Imbolc

Glauben wird durch Schauen ersetzt,
Hoffen und Bangen durch Gewissheit.
Der Schauer beim Schauen
durchzieht die Adern des Daseins.
Genüge finden am Sosein
lässt jauchzen.
Und nochmal neue Hoffnung
darf wachsen
ganz unbeschwert und leicht
auf noch nicht Vorstellbares.
das glückliche Träume gebären
noch irgendwann.

Begegnung mit dem Schicksal

Neulich bin ich dem Schicksal begegnet,
dem freundlichen, darf ich gestehen.
Ich hatte gerade die Behandlung beendet,
die eine Vorstufe des Krebses auf der Kopfhaut
erfolgreich abgetötet hatte. Der Arzt meinte,
glücklich sei er jedesmal, wenn es möglich sei,
zurückzudrehen im Stand zu sein die Zeit
(was für eine Metapher: zurückzudrehen die Zeit!)

Wie ich so auf dem Weg war zum Bus,
begegnete ich dem Schild, das die Metapher
so trefflich emporhob ins Metaphysische
durch seine Anspielung auf das glückliche Schicksal
(auch wenn es rein lustig war es zu sehen):
An einem Friseursalon hing das verheißende Schild
„C h i c s a a l“

Stoppt Stuttgart-irgendwann!

Murks, Pfusch und Mist
sind Schmeichelworte
für dieses tiefe Milliardengrab.
Makulatur, Ramsch, Plunder,
wen nimmt es überhaupt noch Wunder,
dass alle diese Worte nicht
annähernd sagen, was doch dieses Projekt
Stuttgart-malirgendwann
in unsren Augen ist.
Ein Unrat ist’s, aus purer
Gewinn- und Machtgier
ist’s entstanden, ist’s erhalten
geblieben in den Köpfen
dummer und überheblicher
nicht Volksvertreter, nein
ganz widerwärtig agierender
(ich sag es:) Volkszertreter,
die ihre Wähler frech belogen
und betrogen und
im Glauben ließen,
es handele sich um
(s’ist kaum zu glauben:)
ein Geschenk (für das sie dann
Milliarden zahlen sollten
und immer mehr Milliarden
und auf das sie noch warten müssen
wohl bis zum heiligen
Sankt-Nimmerleins-Tag,
wohl warten eben auf
ein Stuttgart 21 nicht,
nein nicht einmal
Stuttgart-malirgendwann).
Drum aufgestanden! Lasst es
euch nicht länger bieten!
Tut, was euch wirklich kluge Leute
rieten: Stoppt endlich Stuttgart-irgendwann.

Aus dem Rahmen

Aus dem Rahmen gefallen
des Schlafes
und auf die weichen Kissen geplumpst
der Vorausschau,
was von den Zipperlein
des Alters
heute und wie behandelt zu werden
hat.

Ja, mehr steht an
und Zeit kostet’s
als gedacht.

Und alles will überlegt sein,
geplant und
bedacht.

Aber s’könnt schlimmer sein,
sagt mein Gefühl
und lacht.

Die Zeichen an den Wänden

Die Zeichen an den Wänden;
sie abzuzeichnen vertreibt,
was sich gegen Menschen wendet,
die sie nicht kennen.

Inseln des Rückzugs
im Innern der Erde,
die Höhlungen der Erinnerung
an gemeinsames Menschsein,
öffnen die Faust, die hasserfüllte.
Nie gegen Menschen sei sie erhoben!

Als ich schrieb, überkam mich der Geist
des Verständnisses fürs Anderssein.
Unwesentliche Unterschiede,
aufgeblasen zu Riesen,
lassen uns gar zu gerne
losgehen aufeinander.
Und wir vergessen,
was getan werden muss
in gemeinsamer Zuversicht.

Aber die Zeichen sind ewig,
Wörtern gleich,
die uns zeigen,
was seit Alters her
wirklich nottut.

Die Zeichen an den Wänden:
Sie neu zu schreiben vertreibt,
was sich gegen Menschen wendet,
die sie noch nicht kennen.

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