Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 164 von 165)

Region Sizilien – oder: Mit dem Erbe leben

Kraftlinien,
sich aus allen Urwinkeln Europas
hier treffend,
ein Kraftfeld bildend,
Zerstörung,
überleben lassend
in Spuren wenigstens,
ein Ganzes bildend,
ausschließend
und umfassend,
bergend
und störend,
am Strande sich verlaufend
in die Weite des Meeres,
der Welt.

Wiedergeburt

Kraftlos im Zentrum
Des Kraftfelds.
Wirbelnde Lebenslust
Um mich herum.
Wirbelnde Zerstörung
In mir.
Ruhendes Chaos.
Chaotische Ruhe.
Der Taifun braucht
Seine Zeit
Um die Stille
Des Auges
Zu vernichten.
Dann wieder ein Sein,
Wie zuvor
Nicht vermutet.

Heimkehr

Die ausladenden Palmen,
die mit ihrem Dach Schatten spendenden Pinien,
die himmelwärts zeigenden Zypressen
– Markenzeichen einer Urlaubslandschaft.
Die zartgrünen Buchenwälder empfangen mich wieder:
beglückt.

Fungesellschaft

Spaßvögel seh ich hüpfen
in wirren Sprüngen.
Vor nichts und niemandem
schrecken die Kreischenden je zurück.
Was schert sie´s?

Kein Ausscheren ist ihnen erlaubt.
Einem einheitlichen Scherzo
folgen die Tanzfiguren:
Gut ist, was Spaß macht.

Zerstreuung.
Ausbreitung auf den braunen Äckern
ohne Frucht.
Expansion ins Unfruchtbare,
weil die Bäuche zu leer sind.
Oder zu voll.

Lust wäre lustig.
Lust an sich herneigender
Anerkennung,
Lust an sich hinneigender
Zuneigung.

Lustbarkeiten als Rhythmus
der Abwechslung
führten in neue Antworten
und nicht in ein Koma.

Comedy Werbung

Lustige Werbung
für Alkopops.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht die Werbung
fürs Flatrate-Trinken.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Lustiges Leben
mit Alkopops.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht das Leben
mit Flatrate-Saufen.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Lustige Gesellschaftsspiele
am Rande des Todes.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht dem Tod
ins Gesicht zu sehen
des Opfers.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Seien wir ehrlich!
Das Originalzitat,
vorgeführt in Monitor*,
hieß in Wirklichkeit:
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und mehr Konsum.

Freie Werbung
für freie Wirtschaft.

*22.3.07

Haiku-Quartett

Luftig liegt es sich
auf dem Rücken auf dem Ast
des alten Nussbaums.

Grüße schicke ich
hinauf die kahlen Zweige
in blauen Äther.

Unten sind ja doch
die politischen Klagen
nicht gerne gehört.

Die Klagen hab ich
weit ins Blaue geleitet.
Doch es umgibt uns.

Stammtischparolen

Überzogene Forderungen an Ferntouristen Verzicht zu üben
sind unliberal.
(Es gibt andere Möglichkeiten CO2 einzusparen)

Überzogene Investitionen in Kinderkrippenplätze
sind Verschwendung.
(Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut)

Überzogener Kündigungsschutz
ist arbeitsplatzfeindlich.
(Wer stellt noch Arbeitskräfte ein, wenn hire and fire nicht geht?)

Überzogene Forderungen nach Menschenrechten in Guantanamo
sind nicht zumutbar.
(Wie sollen wir uns sonst gegen den Terrorismus verteidigen?)

Überzogener Anstand ohne Möglichkeit zu beleidigen
ist so beschwerlich.
(Und ein offenes Visier ist doch ehrlicher)

Überzogene Kapitalismuskritik aber
gibt es nicht.
Kapitalismuskritik geht gar nicht.

Lob der Privatisierung

Öffentliche Sicherheit
ist begraben
in privatisierten Gefängnissen.
Arbeitsplatzsicherung dort
hat Vorrang vor Resozialisierung
der Kunden:
„Beehren Sie uns bald wieder!“

Private Pharmaforschung
rentiert sich besser,
wenn Mittel gegen die Folgen
des Übergewichts dann
an Reiche verkauft werden können.
Mittel gegen die Schlafkrankheit
vieler Armer in den Tropen
sind ein Verlustgeschäft.

Privates Jammern
über den regulierenden Staat
propagiert lieber den Markt,
auch wenn dieser das Wasser
den Meistbietenden offeriert
und nicht den Bedürftigen.

Ein Lob der Privatisierung!
Der Markt drückt im Zweifel
die stärkste Demokratie
an die Wand.

Leben

Es ist in mir
und außer mir:
lebendes Leben
und gelebtes,
wiedergebärendes
und wiedergeborenes,
abgeklärte Erfahrung
und jauchzendes Suchen.

Die Rose blüht
und verwelkt
und das Gänseblümchen,
versteckt im Strubbelgras.

Die Hagebutte
leuchtet und glänzt ja mehr noch
im Regenschauer.

Ein Gedicht wächst
in den Ganglien
und lässt sich dann hören.

Ich wäre sehr gespannt auf Kommentare. Zum Beispiel wüsste ich gerne, wie der Haiku (die 3. Strophe) sich einpasst. Helmut Maier

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