Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 162 von 165)

Vom Baum der Erkenntnis – Spiegel (u.ä.)-Ecke, weitere Folge

Früchte des Paradieses
Vom Baum der Erkenntnis
Des Guten und Bösen
Scheint der neueste Spiegel
Genossen zu haben.

Und das Urteil müsse nicht sein:
Vertrieben und blind,
Sondern fragend und wissend
– folge man nur
Den Urschlüsseln des Zugangs:
Recherche und Annahme
Der Frucht:

Moralische Grundmuster
Schon im Gehirn
Vorgefertigt instinkthaft:

Es ist Dir gesagt, Mensch,
Was gut ist
Und was das Menschsein erfordert.

Ist der Ort des Gefühles dafür
Einmal zerstört,
Gelingt auch ein
Anerkanntes Urteil
Nicht mehr.

Ist das nun so?
Genügt uns ein einziges
Interview-Streitgespräch
Schließlich
Zur Annahme
Dieses wohl
Oder Jenes?

Dies ist ein Kommentar zu dem Spiegel-Titelthema „Das Böse im Guten“ vom 30.7.07.
Das Streitgespräch hat der Spiegel zwischen dem Hirnforscher Hans Markowitsch und dem Sozialwissenschaftler Philipp Reemtsma arrangiert.
Über meinen obigen Kommentar hinaus ist mir noch interessant, dass die Recherche des Spiegel sich in einem Punkt mit dem Ergebnis eines psychologischen Kongresses der Telefonseelsorge weltweit in Prato (Toskana) letzten Monat deckt: nämlich dass die Gefühle bei allem Verhalten von Menschen (und auch die Möglichkeit verschüttete positive Gefühle wieder neu zu lernen) eine zur Zeit noch zu sehr unbeachtete Rolle spielen.

Transfer

Lassen sich Seifenblasen
fotografieren?
Bei Regenbogen
gelingt es,
das weiß ich.
Und Träume lassen sich
in Gedichte transferieren.
Und bleiben so
erhalten.

Verwirrung – 2. Fassung

Radrennfahrer
positiv getestet.
Politiker
positiv getestet.
Gläubiger
positiv getestet.
Wirtschaftsunternehmen
positiv getestet.
 
Doping.
Korruption
Fundamentalismus.
Umweltverschmutzung.
 
Was ist daran
positiv? 

Nostalgie

Machen wir uns die Zeit,
an die wir uns erinnern?

Oder macht uns die Zeit,
so wie wir uns an sie erinnern,
zu dem, was wir werden?

Zwischen Seano und Artimino

Wegwartenzeit ist früher
und üppiger gemalt
hier im Etruskerland
als auf den Höhen
zwischen Fils und Rems.
Und Wein wächst zwar
an beider Hängen.
Bienengewimmel auch
am Lavendel.
Doch Milde der Oliven
ist nur hier zuhaus.

Die Mediceer-Villa öffnet sich
dem fremden-Schmuck-ersehnenden
Etruskerfreund
und taumelnd lässt der sich
entführen
in weit entfernte Welten
der Kultur.

Aus Vinci

Das Haus, aus Feldstein
gebaut, umstanden
von Olivenbäumen,
einem Feigenbaum,
ein paar Zypressen
und einer Pinie.
Weingärten nicht weit,
Hügel nah, Berge ferner.
Flusstäler hineingebettet
in das Land.
Tiefgründiges Blau
über allem.
Ein neuer Leonardo könnte
geboren werden.

Wo die Liebe hinfällt

Sage mir keines von Euch:

Ein ästhetisch gesinnter Mensch

frisst nicht.

*

Ich nämlich habe einen Narren gefressen

an den Nachtkerzen

in unserem Gärtchen.

*

Nicht dass mich die schlaff

herabhängenden,

ausgelutscht aussehenden

verblühten hautfarbenen Dinger da,

die vor nicht viel mehr als einem Tag

Blütensterne noch waren,

noch irgendwie anmachten.

*

Nicht dass der sonnigste Platz in unserem

Rasen – nein: so kann man ihn allerdings

wirklich nicht nennen ”“

anderen Blumenrabatten nicht auch gut bekäme

und der Lavendelstrauch nebenan

nicht in unglücklicher Ausweichbewegung

seiner seitlich abgespreizten Blütenstängel

die Steinplatten-Tritte des Wegs

zum schattigen Birkenplätzchen

versperrte.

*

Doch diese Sterne, die bei Einbruch jeder Nacht

gelb zu strahlen beginnen, zu leuchten, zu jubilieren

und noch in den nächsten Tag hinein sich bewahren

dem liebenden Blick, dem verzückten ”“

*

wie sollte ich ihnen da wehren,

ihre Kolonie zu behaupten,

die sie einmal erobert?

Dankbarkeit

Undankbar erscheinen

angesichts der Unvermeidbarkeit

des Mangels an überschwellendem

Glücksgefühl

nach neu geschenktem Leben?

Die Dankbarkeit nur festmachen

am Willkommenheißen

der orangefarbenen Lilien,

der leuchtenden,

des farbbetupften Hibiskusstrauchs,

des Blauen Eisenhuts

– alle noch ohne Blüten

in unserem Gärtchen

vor der nun geglückten

gefährlichen OP?

Großstadt-Ruhe vor einem entscheidenden Ereignis

Nach erfolgreichem Eingriff in die Arteria basilaris im Stuttgarter Katharinenhospital bin ich nun wieder zu Hause. Seither ist mir zwar noch kein Gedicht gelungen – jedenfalls keines, das ich hier zum Besten geben will. Aber dasjenige, das ich meinen Angehörigen hinterlassen wollte, sollte die OP schiefgehen, möchte ich hier abdrucken:

So weiß ich mich geborgen
inmitten dieses Kranzes
der Hügel rund
um Stuttgarts Schalengrund gelagert.
 
Vom Kessel sprechen Leute,
die’s nicht besser wissen,
die nichts von Wölbungsgunst
der Mutter Erde hörten,
die ihre Fingerkuppen, Finger,
ihren Ballen
so schützend um mich Bangen legte
in ihrer grün bewachs’nen Hand,
 
wo im Kristall des so Geword’nen
die Spuren der Geschichte sich geordnet,
der für uns Württemberger großen,
für hier Herangewachsene wie mich
so überaus bedeutenden und tiefen.
 
So leg ich mich in dieser Nacht
vor der Entscheidung
zum ganz beruhigten und stärkenden
und himmelüberwölbten Schlaf
trotz allem Reifenquietschen und Motorenlärm.
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