Lyrisches von Helmut Maier

Schlagwort: Neue Maier-Lyrik (Seite 145 von 165)

Windrose

Ein Kreuz ist es
Mit der Notwendigkeit
Entscheidungen rasch
Zu treffen.

Warum nur
Hat die Windrose
Vier Richtungen?

Wer´s zu was
Bringen will,
Muss sie beherrschen.

Nur in der Quintessenz
Lässt es sich ruhen.

Herbst-Illumination

In die goldenen Zweige
Der hochaufgeschossenen Birke,
Blauumwirkt,
Glanzpunkte versammelnd,
Lese ich Gesichter ein,
Ereignisse,
Realitäten,
Geheimnisse.
Und voller Erstaunen
Sehe ich sie dann
Vor mir,
Abendbeleuchtet,
In Entzücken geronnen.

Sprachverwirrung

Eine ungefährliche Schere.
Sie schneidet ja nicht.
Wie soll sie?
Ihre Schneiden gehen
immer weiter auseinander.
Die Schere, sagt man,
geht immer weiter
auseinander.
Die zwischen arm
und reich.
Eine gefährliche Schere.

Herbstprojekt

Silberblatt-Dickicht
Im Gärtchen stehngeblieben
Durch weise Faulheit

Wie Du nun prächtig funkelst
Glanz wie von irgendwo her

Oben vorm Blau nur
An dem Himmelsgewölbe
Geäst-Ornament

Grafik-Collage
Mit Glitzer-Skulptur

Warum?

Wir fragen warum
Beim Unerklärlichen
Aber die Folgen
Unseres Tuns
In den Nebeln
Der Zuversicht
Lassen wir sie
Unsichtbar werden

Wie aber sollten wir
Umgehen mit Unerklärlichem
Dann?

Verzicht

Ich schaff´s auch ohne,
sagte der trockene Alkoholiker.
Ich schaff´s auch ohne,
sagte der Individualist.
Ich schaff´s auch ohne,
sagte der Priester.

Ohne Promille,
ohne Gesellschaft,
ohne,
ohne,
ohne Luther?
Ohne Frau?
Ohne Papst?

Vollmond im Herbst

Der volle Mond
auf monochromem Tableau.
Das Grau mit eingetieftem Blau,
fast ohne Sonnenschimmer-Rest,
regiert er still
auf seinem Zug durchs Reich
des Lichtverschlingens,
leuchtet selber aber,
bis dann der Funke überspringt
und neuen Tag entzündet,
der sich auf Blätterteppichen
sacht aus dem Blickfeld
rausgeschlichen hatte.

Farbenrausch

Farbenrausch
vor dem Blättertaumel.
Noch vor dem verhüllenden Nebel.
Schmuckmaterial die Fülle.
Dekorieren der Tische ist Pflicht.
Unmöglich ist Übertreibung.
Doch Schwelgen in Überschwang.

Annäherung

Nicht so recht wissen,
wo´s lang geht.
Vychod heißt jeder Bahnhof
auf der Reise nach Prag.
Schwarz und deutlich die Lettern,
unter denen die Passagiere
den Bahnsteig verlassen.
Herbstfarben wuchern
auf den buschbestandenen Flächen
jeden Tag mehr.
Den grauen Wolken folgen
und die Richtung erahnen,
in der nun der Wind weht.
Die Aussprache lernen
und Wörter erkennen
jeden Tag mehr.
Ankommen irgendwann doch.

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