Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Der Mauerfall

Die Freiheitsflügel
der couragierten Gedanken
überwanden die Mauer
im Flug; und schließlich
mit oder ohne Seelengeleiter
warfen mit Mut in den Muskeln
die Menschen in den Orkus die Mauer.

Sie strömten ins Land,
wo Milch und Honig
für die Besserverdienenden
reichlicher floss.
Was macht so was schon
für die da klettern
auf die Mauer des Gefängnisses
gemeinsamer Kargheit
und tanzen?

Erst wieder ernüchtert
fühlten viele, wie schwer
Arbeitslosigkeit drückt
auch im Paradies,
wohin die Eingesperrten
drängten um jeden Preis.

Welch ein Entsetzen für viele,
dass oft aus dem Ei der Freiheit
die Vogelfreiheit dann schlüpfte.

Beziehungsstruktur

Am langen Tisch, da sitzen
beim Raclett der Enkel,
seine Mutter,
die Kusine des Enkels,
die Schwester der Mutter
des Enkels,
die Großeltern auch,
die zwei Mitbewohner,
einer davon der Freund
der Mutter;
dessen Tochter mit
der zweiten Kusine
und deren Eltern,
adoptiert, angeheiratet:

eine Struktur aus Patchwork
und Wohngemeinschaft gemischt:
Vielfalt.

Vater und Mutter?

Mit dem Vaterunser
ist es
wie mit dem Paternoster:
Immer im Kreis,
aber dem der Ziege am Pflock,
der auf der Stelle treten bedeutet.
Nicht im fruchtbaren Zyklus des Werdens
von Winter und Sommer.
Immer auf und ab,
börsengleich,
das heißt letztlich doch: ab:
mit Stellenabbau,
ohne lebendige Entwicklung.
Aber er ist
ja vielleicht
überfordert,
der Alleinerziehende.

Ähnlichkeit

Ganz unten um die Krone rum
trägt diese alte, ehrwürd´ge Linde
noch einen gelben Ring.
Und kahl darüber ragen ihre Äste
ins Blau.

So einen trage ja auch ich,
nur ist der meine grau.

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