Maier-Lyrik

Lyrisches von Helmut Maier

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Zugegeben

Preisgegeben sind wir der Natur,
preisgegeben den unvorhergesehenen Stürmen,
preisgegeben den Erdbeben, den Vulkanausbrüchen,
preisgegeben den unbeherrschbaren Viren,
preisgegeben unseren Launen: uns.

Preisgegeben bin ich dir,
kann mir mein Leben ohne dich
nicht mehr vorstellen,
würde verkümmern, eingehen, absterben.
Den Preis gegeben dir möchte ich haben,
den höchsten Preis, dessen Vergabe
mir möglich ist:

Bist du mir preisgegeben,
meinen Launen, meiner Hilfe, meiner Liebe,
die Sicherheit, dass ich es nie
ausnützen werde, will ich dir geben.

Preisgegeben seien wir uns
oder geschenkt einander oder
zueinander gesellt durch ein Schicksal,
das wir nicht verstehen können,
noch wirklich kennen,
aber erleben können
in unseren Umarmungen,
unseren Küssen, unserer Liebe.
Einen Preis hat verdient
diese Liebe,
sie lässt uns leben.

Einen Preis hat verdient
dieses Leben,
Einen Preis hat verdient
die Natur,
die uns dieses Leben geschenkt.
Den Preis gegeben möchte ich haben ihr,
den höchsten, den wir zu vergeben haben:
das Versprechen, dass wir nie
es ausnützen wollen,
wenn durch unser Bewusstsein
preisgegeben ist uns die Natur,
die wir lieben, sind wir auch
preisgegeben ihr, uns,
preisgegeben einander,
um uns zu wahren.

Schmetterlingsflügel

Ich möchte mir die Anstrengung gönnen,
meine Flügel zu bewegen.
Sind sie nicht mindestens so wirksam
wie die Schmetterlingsflügel,
die einen Orkan zu entfesseln
in der Lage sind?
Chaos, ich leite dich.
Du aber lässt dir den Weg nicht vorschreiben,
nur dich bitten.
Und so bewege ich doch
möglichst die Flügel
immer aufs neue.

Erfundene Sage

Im Nebel des Bergischen Landes
ragen Höhen empor.
Klänge aus uralten Zeiten
dringen bis an mein Ohr.
Vom Rennenburgischen Bergsporn vielleicht
nahmen Kelten mit die Kunde
vom altehrwürdig ewigen Gral,
getragen von manchem Munde
in neues keltisches Land
im Westen und schlug dort
vielleicht Wurzeln am Rande
des Meeres, des mächt’gen,
in Mären, den nächt’gen,
und fand dann Gehör
in den Ohren der suchenden Menschen;
die fanden Gefallen wohl
an der Fama von der Heilkraft,
die böte der Gral
allemal.

Realität

Ich lag wie Leonardo,
die Augen bereits geöffnet,
am früher gewordenen Morgen
der neuen, vielversprechenden Zeit,
erwacht von Traumwahrheiten
des gewöhnlich gewordenen Machtwahns,
und fand erstaunt keinen Laut
um mich wandern,
dass irgendwer von den Oberen
auch schon erwacht sei.

„Sex, Drugs & Broiler“ von Andrea Kuritko (Rezension)

Als ich Andrea Kuritko 2012 in Leipzig auf der Buchmesse traf, hatte ich keine Ahnung, welche Bedeutung Leipzig in ihrem Leben hatte ”“ dass Leipzig sozusagen eine Metapher für die wundersame „Wiedervereinigung“ der Deutschen für sie war. Das erfuhr ich erst durch ihr Buch „Sex, Drugs & Broiler“. Oder war es eher eine Metapher für die Erfahrung eines Umbruchs im Zeichen neoliberalen Expansionstriebs nach dem Fall der Mauer?

Diese Frage zu beantworten ist die Aufgabe, d.ie uns Andrea Kuritko vielleicht unbewusst aufgetragen hat. Sie hat sie mit so viel Feuer und Witz garniert, dass es eine Freude ist, das Buch zu lesen. Die Freude wird auch nicht getrübt durch die Tiefen menschlichen Daseins, die sie schildert: Männer, die so tief sinken, indem sie sich als überlegen fühlen und gerieren. Die Überlebenden dagegen einer von einer eigentlich humanistisch gesinnten Elite errichteten Staatlichkeit, die zur Diktatur degenerierte, deren Überlebende also, die aufs Neue ”“ und teilweise schlimmer ”“ untergebuttert werden. Schlimmer, weil die Demokratie nun in kapitalistischem Kleid auftritt und sich als Befreierin selbst derer aufspielt, die in dem überwundenen Regime besser zurechtkamen als im neuen.

Wie erwähnt: Der Witz und die Erzählfreude lassen das auf weite Strecken vergessen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass hier eine Frau erzählt, die als Beobachterin in diesem Spiel mehr als in die Dinge Verwickelte alles wie in kindlicher Unschuld erlebt und sich nicht korrumpieren lässt und nur staunen kann, wozu Menschen fähig und verführbar sind.

Dass es Männer sind, die in so einer alle Chancen zu eröffnen scheinenden Umbruchszeit von dem „Virus der grenzenlosen Freiheit, weit weg von Mutti und den Bälgern, weg von Spießigkeit, Alltag und Langeweile“ befallen wurden, darf in einer neoliberalen Gesellschaft nicht verwundern. Dass die Autorin sieht, dass „alle, restlos alle, mit denen ich damals zu tun hatte, ”¦ infiziert“ wurden und „in das atemberaubende, scheinbar zügellose, Nachtleben von Leipzig ein“tauchten, beweist, dass der Firnis über der Kultur heutiger Demokratien ”“ aus denen sie ja kamen ”“ nur hauchdünn ist und in einer Umbruchszeit nichts mehr zusammenhält. Das zu erkennen könnte uns helfen, eine neue Gesellschaft anzustreben, in der wirklich Gerechtigkeit lebt.

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